Die gemeinsame Suche nach der Erkenntnis

Betrachtet man die Geschichte der Menschheit, so fällt auf, dass Menschen zu allen Zeiten nach denselben grundlegenden Antworten gesucht haben. Sie unterschieden sich in Sprache, Kultur, Weltbild und religiösen Vorstellungen. Doch hinter diesen Unterschieden begegnet uns immer wieder dieselbe Bewegung des Geistes: die Suche nach dem Ursprung der Wirklichkeit, nach dem Sinn des Lebens und nach der Stellung des Menschen im Ganzen des Seins.

Aus dieser Perspektive erscheinen die verschiedenen geistigen Traditionen der Menschheit weniger als konkurrierende Lager und mehr als unterschiedliche Wege einer gemeinsamen Suche.

Das Christentum ist einer dieser Wege, die Philosophie der Antike war ein anderer Weg, und auch die Mystik beschritt ihren eigenen Pfad.

Die Gnosis suchte nach Erkenntnis hinter den sichtbaren Erscheinungen, die Naturwissenschaft untersucht die Ordnung der Welt.

Selbst der Atheismus entspringt häufig nicht der Ablehnung von Wahrheit, sondern dem Wunsch, nur das als wahr anzunehmen, was begründet und nachvollziehbar erscheint.

Die Neue Theologie könnte damit die Grundlage sein, dass sich diese unterschiedlichen Wege nicht primär als Gegner, sondern als Ausdruck einer gemeinsamen menschlichen Sehnsucht nach Erkenntnis verstehen lernen.

Denn bevor Menschen Christen, Muslime, Buddhisten, Gnostiker oder Atheisten werden, sind sie Menschen. Und als Menschen teilen sie dieselbe Erfahrung: Sie finden sich in einer Wirklichkeit vor, deren Ursprung sie nicht selbst gewählt haben und deren tiefster Sinn ihnen nicht unmittelbar offen liegt.

Jeder Versuch, diese Wirklichkeit zu verstehen, ist deshalb zunächst einmal ein Schritt auf dem Weg der Erkenntnis.

Natürlich unterscheiden sich die Antworten. Der Gläubige sieht im Ursprung der Wirklichkeit Gott.

Der Mystiker spricht von einer unmittelbaren Erfahrung des Göttlichen, der Gnostiker sucht nach verborgener Erkenntnis, der Philosoph fragt nach dem Sein, der Naturwissenschaftler untersucht die Gesetzmäßigkeiten des Universums, der Atheist bezweifelt, dass die Annahme eines Gottes notwendig ist.

Doch bemerkenswerterweise bewegen sich all diese Positionen um denselben Mittelpunkt, sie alle beschäftigen sich mit der Frage, was Wirklichkeit letztlich ist.

Die Neue Theologie versucht deshalb nicht, diese Unterschiede aufzulösen. Sie möchte weder alle Religionen zu einer Einheitslehre verschmelzen noch die Verschiedenheit menschlicher Weltanschauungen beseitigen.

Ihre Hoffnung liegt vielmehr in einer anderen Möglichkeit.

Vielleicht sind unterschiedliche Perspektiven nicht immer Ausdruck von Irrtum. Vielleicht beschreiben sie verschiedene Aspekte einer Wirklichkeit, die größer ist als jede einzelne Beschreibung.

Wer einen Berg von verschiedenen Seiten betrachtet, sieht unterschiedliche Landschaften. Die Unterschiede der Perspektiven beweisen nicht, dass kein Berg existiert. Sie können vielmehr darauf hinweisen, dass seine Wirklichkeit größer ist als der Blickwinkel des Einzelnen.

In ähnlicher Weise könnten auch die geistigen Traditionen der Menschheit verstanden werden, nicht als Beweis dafür, dass keine Wahrheit existiert, sondern als Hinweis darauf, dass die Wahrheit möglicherweise größer ist als jede ihrer historischen Formen.

Gerade deshalb besitzt auch der Atheismus innerhalb einer solchen Betrachtung einen wichtigen Platz.

Der Atheist erinnert Religionen daran, dass nicht jede Behauptung über Gott automatisch wahr ist. Er fordert Begründungen, prüft Annahmen und hinterfragt Gewissheiten. In dieser Hinsicht erfüllt er eine Funktion, die bereits die großen Philosophen der Antike ausübten.

Umgekehrt erinnert die Religion den Atheisten daran, dass nicht alle Fragen des Menschen auf Messung und Berechnung reduziert werden können. Fragen nach Sinn, Schönheit, Liebe, Bewusstsein und Transzendenz überschreiten oft die Grenzen rein empirischer Betrachtung.

Beide Perspektiven können einander korrigieren und ergänzen.

Die Neue Theologie sieht deshalb weder in der Religion den Gegner der Wissenschaft noch im Skeptiker den Gegner des Glaubens.

Sie sieht in beiden den Ausdruck einer gemeinsamen menschlichen Fähigkeit: der Fähigkeit, Fragen zu stellen.

Vielleicht beginnt die Zukunft des geistigen Denkens genau dort, wo Menschen unterschiedlicher Überzeugungen einander nicht mehr als Feinde betrachten, sondern als Mitreisende auf einem Weg, dessen Ziel keiner vollständig kennt.

Die Frage lautet dann nicht mehr: Wer besitzt die Wahrheit?

Die tiefere Frage lautet:

Wie können wir gemeinsam näher an sie herankommen?

Bereits Justin der Märtyrer vertrat im zweiten Jahrhundert die bemerkenswerte Auffassung, dass überall dort, wo Menschen aufrichtig nach Wahrheit suchen, ein Teil des göttlichen Logos wirksam sein könne. Für ihn waren Wahrheit und Vernunft nicht auf eine einzige Gemeinschaft beschränkt.

Clemens von Alexandrien betrachtete die griechische Philosophie als eine Vorbereitung auf tiefere Erkenntnis. Er war überzeugt, dass Gott den Menschen verschiedene Wege der Wahrheitssuche eröffnet habe und dass ernsthaftes Denken niemals im Widerspruch zu echter Religiosität stehen könne.

Augustinus wiederum sah selbst in seinen Irrwegen und philosophischen Umwegen Stationen einer größeren Suche. Erst rückblickend erkannte er einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Wegen, die er beschritten hatte. Wahrheit erschien ihm nicht als Besitz einer Gruppe, sondern als Wirklichkeit, die den Menschen sucht, noch bevor der Mensch nach ihr sucht.

Besonders interessant für die Gegenwart ist Thomas von Aquin. Für ihn konnte jede wahre Erkenntnis – unabhängig davon, aus welcher Quelle sie stammt – letztlich nicht im Widerspruch zu Gott stehen. Wahrheit war für ihn eine Einheit. Daraus folgt ein bemerkenswerter Gedanke: Wer ehrlich nach Wahrheit sucht, bewegt sich bereits auf einem Weg, der über die Grenzen einzelner Weltanschauungen hinausführt.

Vielleicht liegt hierin eine der wichtigsten Einsichten für die Neue Theologie.

Nicht jeder wird dieselben Antworten finden, nicht jeder wird dieselben Begriffe verwenden, nicht jeder wird an denselben Gott glauben.

Doch überall dort, wo Menschen ernsthaft nach Wahrheit, Sinn und Wirklichkeit suchen, beginnt möglicherweise bereits etwas, das sie tiefer miteinander verbindet als alle Unterschiede, die sie voneinander trennen.