Eine neue Rolle des Christentums

Wenn die Neue Theologie versucht, die Frage nach der Wirklichkeit neu zu stellen, dann stellt sich zwangsläufig auch die Frage nach der Rolle der bestehenden Religionen. Denn keine Suche nach den letzten Grundlagen des Seins beginnt auf einem leeren Blatt. Jede Generation denkt innerhalb eines geistigen Erbes, das über Jahrtausende gewachsen ist. Die großen Religionen sind Ausdruck dieses Erbes. In ihren Symbolen, Erzählungen und Lehren haben Menschen immer wieder versucht, jene Wirklichkeit zu beschreiben, die sich dem unmittelbaren Zugriff entzieht und dennoch das menschliche Leben prägt.

Innerhalb dieser Traditionen könnte dem Christentum eine besondere Bedeutung zukommen.

Nicht weil es die einzige Wahrheit besitzt. Nicht weil andere religiöse Wege weniger wertvoll wären. Und auch nicht aufgrund historischer Macht oder kultureller Prägung. Seine besondere Stellung ergibt sich vielmehr aus einer geistigen Eigenart, die es seit seinen Anfängen begleitet.

Kaum eine religiöse Tradition hat die Frage nach Gott so eng mit der Frage nach Wahrheit, Vernunft und Sein verbunden wie das Christentum.

Bereits die frühen christlichen Denker standen vor der Aufgabe, die religiösen Erfahrungen ihrer Zeit mit dem philosophischen Erbe der Antike in Beziehung zu setzen. Dabei entstand etwas Außergewöhnliches. Der Glaube wurde nicht als Gegenpol zum Denken verstanden, sondern als dessen Erweiterung. Die Suche nach Wahrheit galt nicht als Gefahr für den Glauben, sondern als Weg zu einem tieferen Verständnis der Schöpfung.

Besonders sichtbar wird dies im Begriff des Logos.

Als das Johannesevangelium seine berühmten Worte formulierte – „Im Anfang war der Logos“ –, verband es zwei Welten miteinander. Für die jüdische Tradition war das schöpferische Wort Gottes Ursprung aller Wirklichkeit. Für die griechische Philosophie bezeichnete der Logos jene Vernunft und Ordnung, die dem Kosmos zugrunde liegt. Im Christentum verschmolzen beide Vorstellungen zu einer der folgenreichsten Ideen der Geistesgeschichte: Die Wirklichkeit besitzt nicht nur Struktur, sondern Sinn. Sie ist nicht bloß vorhanden, sondern in ihrem tiefsten Grund verstehbar.

Diese Verbindung von Glauben und Vernunft durchzieht die gesamte christliche Philosophie.

Augustinus suchte Gott in der Wahrheit selbst. Für ihn war jede echte Erkenntnis bereits ein Schritt auf etwas Größeres hin. Thomas von Aquin betrachtete Vernunft und Offenbarung nicht als Gegner, sondern als unterschiedliche Wege zu derselben Wirklichkeit. Selbst dort, wo die menschliche Erkenntnis an ihre Grenzen stößt, bleibt für ihn die Überzeugung bestehen, dass Sein und Wahrheit letztlich zusammengehören.

Vielleicht liegt genau hierin die zukünftige Bedeutung des Christentums – nicht in der Bewahrung vergangener Formen, nicht in der Wiederholung alter Auseinandersetzungen, nicht in dem Versuch, sich gegen die Moderne zu behaupten, sondern in seiner Fähigkeit, einen Raum zu eröffnen, in dem die Fragen der Wissenschaft, die Fragen der Philosophie und die Fragen der Religion wieder miteinander ins Gespräch kommen können.

Eine Renaissance des Christentums würde dann nicht bedeuten, in frühere Jahrhunderte zurückzukehren. Sie würde auch nicht bedeuten, neue Dogmen zu errichten oder alte Grenzen zu befestigen. Vielmehr könnte sie in einer Rückbesinnung auf jene geistige Offenheit bestehen, die das Christentum in seinen stärksten Momenten ausgezeichnet hat: die Überzeugung, dass Wahrheit niemals gefürchtet werden muss, weil jede Wahrheit letztlich auf denselben Ursprung verweist.

In einer Zeit, in der Wissen ständig wächst und zugleich die Sinnfragen des Menschen ungelöst bleiben, könnte das Christentum deshalb eine neue Aufgabe erhalten. Nicht als Herrscher über andere Traditionen, sondern als Gesprächspartner, nicht als letzte Antwort, sondern als Wegweiser, nicht als Abschluss der Suche, sondern als Einladung, sie fortzusetzen.

Vielleicht würde seine Zukunft dann gerade dort liegen, wo viele sein Ende vermuten, nicht in der Abgrenzung von Wissenschaft und Philosophie, sondern in ihrer Begegnung, nicht in der Verteidigung vergangener Gewissheiten, sondern in der erneuten Suche nach jener Wahrheit, die größer ist als jede einzelne Erkenntnis.

Und vielleicht wäre genau dies die eigentliche Renaissance des Christentums: die Wiederentdeckung seines ursprünglichen Anliegens, den Menschen auf die Einheit von Wahrheit, Sinn und Wirklichkeit hinzuweisen – auf jenes Geheimnis, das Philosophen suchten, Wissenschaftler erforschen und Religionen seit Jahrtausenden zu benennen versuchen.