Kreuzzüge, eine Orientierung
A. Orientierung
1. Vorwort
Diskussionen zwischen Christen und Muslimen zu den möglichen Ursachen der christenfeindlichen Forderungen im Koran enden oft damit, dass den Christen die Ursache und Schuld an dem Konflikt zugewiesen wird, denn die Kriege der Christen gegen die Muslime begannen mit den Kreuzzügen, mit welchen Christen die muslimische Welt überfielen und damit Schuld auf sich geladen haben.
Einem versöhnlichen Gespräch mit dem Ziel, Gemeinsames zu suchen und Vergangenes in einem milderen Licht zu betrachten, wird aufgrund solcher Schuldzuweisungen damit eigentlich die notwendige Grundlage für ein friedliches Miteinander entzogen.
Schuldzuweisungen können nicht als fördernd für ein Zusammenleben gesehen werden.
Das Problem dabei ist, dass oftmals beide Seiten, Christen und Muslime, nur rudimentäres und damit einseitiges geschichtliches Wissen haben. Somit entsteht in einer Diskussion oft der „Punkt ohne Wiederkehr“ – Muslime sehen aufgrund fehlender Geschichtskenntnisse die Schuld bei den Christen, Christen können dieser Argumentation aufgrund fehlender Geschichtskenntnisse nichts entgegensetzen.
So bleibt zwischen beiden Diskutanten ein Bruch zurück, welcher einmal bei den Christen ein Schuldgefühl zurücklässt, und zum anderen bei den Muslimen ein Gefühl der argumentativen Überlegenheit erzeugt.
Damit tendiert die innere Bereitschaft beider Seiten gegen null, die Konflikte der Vergangenheit als Teil der gemeinsamen Geschichte zu sehen und eher die Geschichte der Kreuzzüge als Anlass zu nehmen, Konflikte als unmenschlich und sinnlos zu erkennen und daran zu denken, wie anders sich die Welt und die Menschen entwickeln hätten können, wenn dieses Ereignis der Kreuzzüge nicht geschehen wären.
Diesen Zustand des Ungleichgewichtes der Argumentationsfelder sollte deshalb ein wenig Wissen über den geschichtlichen Ablauf der Kreuzzüge in Erinnerung gebracht werden.
2. Was geschah vor dem Ersten Kreuzzug?
Im Folgenden werden wir einen notwendigen Rückblick zur Diskussion stellen, welcher die Zeit vor dem ersten Kreuzzug thematisiert.
3. Die vergessenen Jahrzehnte vor 1095
In Diskussionen über das Verhältnis von Christentum und Islam werden die Kreuzzüge häufig als historisches Beispiel christlicher Aggression angeführt. Das zugrunde liegende Bild ist einfach: Papst Urban II. rief 1095 zum Kreuzzug auf, christliche Heere drangen anschließend in muslimisch beherrschte Gebiete ein, eroberten 1099 Jerusalem und richteten dort ein Blutbad an.
Diese Ereignisse gehören zur Geschichte.
Aber sie sind nicht deren Anfang.
Wer die Geschichte des Ersten Kreuzzugs erst 1095 beginnen lässt, beginnt sie an einem Zeitpunkt, an dem bereits Jahrzehnte militärischer, politischer und gesellschaftlicher Veränderungen im östlichen Mittelmeerraum vorausgegangen waren.
Deshalb genügt es für die Frage nach den Ursachen des Ersten Kreuzzugs nicht, mit Urban II. zu beginnen.
Die entscheidende Frage dieses Beitrags lautet:
Was geschah vor 1095?
Diese Frage ist auch für den heutigen christlich-muslimischen Dialog von Bedeutung. Denn aus einer verkürzten Chronologie kann leicht eine verkürzte Schuldzuweisung entstehen:
Die Christen griffen die muslimische Welt an – also waren die Kreuzzüge Ausdruck einer einseitigen christlichen Aggression.
Historisch ist eine solche Aussage unvollständig.
Sie beschreibt, was ab 1096 geschah, blendet aber weitgehend aus, was diesem Ereignis vorausging.
4. Man muss früher anfangen
Gehen wir deshalb nicht bis 1095 zurück, sondern weitere fünfzig Jahre.
Dann verändert sich das Bild.
Bereits seit den 1040er und 1050er Jahren berichten armenische Quellen von seldschukischen Einfällen in christlich bewohnte Gebiete. Städte und Dörfer wurden angegriffen, Menschen getötet oder verschleppt, Kirchen geplündert und christliche Gemeinschaften zerstört oder vertrieben.
Eine der wichtigsten Quellen dafür ist Aristakēs Lastivertcʿi.
Sein Zeugnis besitzt für unsere Fragestellung besonderes Gewicht: Er schrieb Jahrzehnte vor dem Ersten Kreuzzug.
Seine Berichte können daher nicht als nachträglicher Versuch verstanden werden, die Kreuzzüge zu rechtfertigen.
Er beschreibt eine Welt, in der armenische Christen bereits lange vor Clermont mit Krieg, Eroberung und religiös wahrgenommener Bedrohung konfrontiert waren.
5. 1064 – Ani fällt
Ein besonders schwerer Einschnitt war die Einnahme von Ani durch Sultan Alp Arslan im Jahr 1064.
Ani war ein bedeutendes armenisches politisches und christliches Zentrum. Seine Eroberung war deshalb nicht lediglich ein gewöhnlicher Wechsel territorialer Herrschaft.
Für die betroffene christliche Bevölkerung war sie Teil eines tiefgreifenden Zusammenbruchs ihrer bisherigen politischen Ordnung.
Auch dieses Ereignis fand mehr als drei Jahrzehnte vor dem Kreuzzugsaufruf Urbans II. statt.
6. 1066/67 – Angriff auf armenische Klöster
Matthäus von Edessa berichtet anschließend von einem Ereignis, das für diese Untersuchung besonders interessant ist.
Um 1066/67 griff der türkische Emir Afšin armenische Klöster im Amanos-Gebirge nördlich von Antiochia an. Mönche wurden getötet und Klöster verwüstet.
Dieser Vorgang löste keinen Kreuzzug aus.
Aber genau darin liegt die Fragestellung dieser Erörterung: Was geschieht, wenn solche Ereignisse nicht isoliert bleiben?
Was geschieht, wenn über Jahrzehnte Städte fallen, Klöster angegriffen werden, Bevölkerungen fliehen und politische Grenzen immer weiter verschoben werden?
7. 1071 – Manzikert
Dann kam Manzikert.
1071 besiegte Alp Arslan das byzantinische Heer unter Kaiser Romanos IV. Diogenes.
Auch diese Schlacht war kein Kreuzzug und lässt sich nicht sinnvoll auf die Formel „Islam gegen Christentum“ reduzieren.
Ihre Folgen waren dennoch gewaltig.
Die byzantinische Herrschaft über Anatolien geriet in eine schwere Krise. In den folgenden Jahren konnten sich türkische Herrschaften in Gebieten ausbreiten, die zuvor zum christlich-byzantinischen Machtbereich gehört hatten.
Damit war die Auseinandersetzung nicht länger nur eine Folge lokaler Überfälle.
Das politische Kräfteverhältnis einer ganzen Region veränderte sich.
8. Und der Westen reagierte nicht erst 1095
Dieser Punkt ist entscheidend.
Schon in den 1070er Jahren wurde im Verhältnis zwischen Byzanz und dem Papsttum über westliche militärische Unterstützung gesprochen.
Damit wird eine Behauptung problematisch, die in heutigen Diskussionen gelegentlich unausgesprochen vorausgesetzt wird:
Europa habe 1095 plötzlich beschlossen, die islamische Welt anzugreifen.
So einfach verlief die Entwicklung nicht.
Zwischen den ersten hier untersuchten seldschukischen Einfällen und Clermont liegen ungefähr fünf Jahrzehnte.
Dazwischen liegen:
Angriffe auf armenische Gebiete – der Fall Anis – Angriffe auf christliche Klöster – Manzikert – der Verlust byzantinischer Gebiete – politische Destabilisierung – Hilfegesuche nach Westen – und schließlich Clermont.
9. Die entscheidende Frage: Wie entstehen historische Reaktionen?
Damit kommen wir zur eigentlichen These dieser Erörterung.
Vielleicht suchen wir bei der Entstehung des Ersten Kreuzzugs zu sehr nach einer einzelnen Ursache.
Geschichte funktioniert häufig anders. Ein einzelnes zerstörtes Kloster löst keinen europäischen Krieg aus, eine eroberte Stadt ebenfalls nicht. Auch eine einzelne militärische Niederlage genügt nicht.
Wenn aber über Jahrzehnte Grenzen zurückweichen, Bevölkerungen fliehen, Nachrichten über Gewalt weitergegeben werden, politische Herrscher Unterstützung verlangen und diese Entwicklungen auf bereits vorhandene religiöse Vorstellungen treffen, kann aus vielen zunächst getrennten Vorgängen eine gemeinsame Bewegung entstehen.
Daher:
Der Erste Kreuzzug könnte teilweise als Endpunkt einer jahrzehntelangen Entwicklung verstanden werden, in der zahlreiche zunächst lokale Ereignisse schrittweise zu einer größeren politischen und religiösen Krise beitrugen.
10. Warum das für den heutigen Dialog wichtig ist
Über die Massaker der Kreuzfahrer in Jerusalem 1099 muss gesprochen werden.
Aber über Ani 1064 darf deshalb nicht geschwiegen werden.
Über Gewalt christlicher Kreuzfahrer muss gesprochen werden.
Aber ebenso müssen die Erfahrungen armenischer und anderer orientalischer Christen vor 1095 Bestandteil der Erzählung sein.
Das ist keine Aufrechnung von Toten und keine nachträgliche Rechtfertigung von Gewalt.
Es ist eine Forderung an historische Redlichkeit:
Die Geschichte darf nicht erst dort beginnen, wo die Schuld der jeweils anderen Seite sichtbar wird.
Wer aus den Kreuzzügen ein moralisches Argument gegen das Christentum ableiten möchte, muss deshalb auch bereit sein, die Vorgeschichte zu betrachten.
Und diese Vorgeschichte führt nicht zuerst nach Clermont.
Sie führt nach Armenien, Anatolien, Kilikien, Edessa und Antiochia.
Sie führt zu christlichen Gemeinschaften, die lange vor dem Auftreten der westlichen Kreuzfahrer Krieg, Eroberung, Vertreibung und Zerstörung erlebt hatten.
Diese Menschen verschwinden aus der Geschichte, wenn wir lediglich „christliche Kreuzfahrer“ und „muslimische Opfer“ gegenüberstellen.
11. Keine Umkehrung der Schuldfrage
Aus diesen Befunden folgt nicht:
„Die Muslime waren schuld an den Kreuzzügen.“
Eine solche Behauptung wäre historisch ebenso grob wie ihr Gegenstück.
Aber daraus folgt durchaus etwas anderes:
Die Behauptung einer ausschließlich einseitigen christlichen Aggression lässt sich nicht dadurch begründen, dass man die Erzählung erst 1095 beginnen lässt.
Die Kreuzzüge müssen in ihrer Vorgeschichte untersucht werden.
Und diese Vorgeschichte enthält auch muslimische beziehungsweise seldschukische Expansion, Eroberung christlicher Territorien und Gewalt gegen christliche Bevölkerungen.
Diese Tatsachen dürfen ausgesprochen werden, ohne dass daraus Feindschaft gegenüber dem Islam entsteht.
Historische Verständigung verlangt nicht, unangenehme Tatsachen abzuschwächen.
Sie verlangt, sie auf allen Seiten wahrzunehmen.
12. Vielleicht liegt genau hier ein Problem des heutigen Dialogs
Ein Dialog kann nicht dauerhaft funktionieren, wenn von einer Seite ein historisches Schuldbekenntnis erwartet wird, während die Vorgeschichte dieses Geschehens außerhalb der Diskussion bleibt.
Versöhnung setzt keine einseitige historische Selbstanklage voraus.
Sie setzt zunächst die Bereitschaft voraus, dieselbe historische Chronologie gemeinsam anzuerkennen.
Erst dann kann über Verantwortung gesprochen werden.
Vielleicht wäre deshalb eine produktivere Frage im christlich-muslimischen Gespräch nicht:
„Wer war schuld an den Kreuzzügen?“
sondern:
„Was geschah in den fünfzig Jahren vor dem Ersten Kreuzzug – und was davon trug dazu bei, dass 1095 überhaupt ein Kreuzzugsaufruf eine solche Wirkung entfalten konnte?“
Diese Frage nimmt niemandem Verantwortung ab, aber sie gibt der Geschichte ihre Vorgeschichte zurück.
13. Eine Forschungsfrage statt eines Urteils
Damit führt die Untersuchung zurück zu ihrem Ausgangspunkt.
Vielleicht finden wir keinen einzelnen „ersten Funken“.
Vielleicht finden wir etwas historisch Interessanteres:
eine Kette kleiner Feuer.
Lokale Überfälle, verlorene Städte, zerstörte Klöster, Flüchtlinge, Grenzverschiebungen, militärische Niederlagen, politische Hilferufe und religiöse Deutungen könnten sich über Jahrzehnte gegenseitig verstärkt haben.
Erst ganz am Ende dieser Entwicklung steht Urban II. in Clermont.
14. Mensch und KI – eine gemeinsame Forschungsfrage
Diese Untersuchung entstand aus einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit.
Die entscheidenden Fragen wurden vom Menschen gestellt.
Die KI half anschließend, diese Frage über verschiedene Quellenräume hinweg zu verfolgen – von persischen Geschichtswerken zu armenischen Chronisten, von lokalen Konflikten zu den großen politischen Veränderungen des 11. Jahrhunderts.
Dabei entstand kein neuer historischer „Beweis“.
Es entstand etwas anderes:
eine Forschungsfrage, die vorher in dieser Form nicht am Anfang unserer Untersuchung stand.
Vielleicht zeigt gerade dies eine Stärke der Zusammenarbeit zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz.
Der Mensch kann eine ungewöhnliche Vermutung formulieren, Widerspruch anmelden und eine eingeschlagene Forschungsrichtung verändern. Die KI kann daraufhin große Quellenräume miteinander verbinden, Gegenbeispiele suchen und eine Hypothese systematisch weiterentwickeln.
Am Ende entscheidet jedoch weder der Mensch durch seine Vermutung noch die KI durch ihre Rechenleistung.
Am Ende müssen die Quellen entscheiden.
B. Zusammenfassung, Ergänzung und Quellen
1. Ausgangspunkt: Von Persien zu einer größeren östlichen Quellenlandschaft
Die Untersuchung begann mit der Frage, ob persische Schriften Hinweise auf den Ersten Kreuzzug und insbesondere auf dessen Ursachen enthalten. Dabei zeigte sich eine methodische Schwierigkeit: Für die Jahre unmittelbar um 1095–1099 besitzen wir keine persischsprachige Gegenchronik, die den Ersten Kreuzzug ähnlich ausführlich und zeitnah schildert wie einige arabische, armenische, syrische, byzantinische oder lateinische Quellen. Spätere persische Werke sind dennoch wichtig, weil sie die politische Welt der Seldschuken und deren Erinnerung bewahren; für die Suche nach frühen konkreten Anlässen musste der Quellenraum jedoch erweitert werden.
Daraus entstand ein neuer Ansatz: Armenische, syrische, byzantinische, arabische und persische Überlieferungen sollen nicht isoliert, sondern als unterschiedliche Beobachtungsperspektiven auf denselben historischen Raum betrachtet werden. Besonders wichtig sind Armenien, Ostanatolien, Kilikien, Edessa, Antiochia und Nordsyrien – Gebiete, in denen christliche Gemeinschaften und muslimische beziehungsweise seldschukische Herrschaften unmittelbar aufeinandertrafen.
2. Persien und die christlichen Gemeinschaften
Persien war zur Zeit des Ersten Kreuzzugs seit Jahrhunderten Teil der islamisch geprägten politischen Welt. Das bedeutete jedoch keineswegs, dass das Christentum im weiteren iranisch-mesopotamischen Raum verschwunden war. Armenische, syrische und ostsyrische christliche Gemeinschaften bestanden fort. Zugleich muss bei mittelalterlichen Quellen sorgfältig auf die Bezeichnungen geachtet werden: Armenische Autoren können Angreifer als „Perser“ bezeichnen, obwohl politisch oder ethnisch seldschukische beziehungsweise türkische Kräfte gemeint sind. Moderne nationale Kategorien dürfen deshalb nicht unkritisch auf das 11. Jahrhundert übertragen werden.
3. Aristakēs Lastivertcʿi: eine besonders frühe armenische Stimme
Für die Vorgeschichte des Ersten Kreuzzugs ist Aristakēs Lastivertcʿi von besonderer Bedeutung. Seine Geschichte entstand ungefähr in den 1070er Jahren und damit noch vor dem Kreuzzugsaufruf Urbans II. von 1095. Dies macht sie für unsere Fragestellung wertvoll: Aristakēs konnte die von ihm geschilderten Ereignisse nicht nachträglich als Vorgeschichte eines Kreuzzugs konstruieren, dessen späteren Verlauf er noch nicht kannte.
Er beschreibt die seldschukischen Einfälle in Armenien seit der Mitte des 11. Jahrhunderts als eine Folge schwerer Katastrophen: Plünderungen, Gefangennahmen, Tötungen, zerstörte Siedlungen sowie Angriffe auf Kirchen und kirchliches Leben. Seine Darstellung ist stark religiös geprägt und interpretiert das Leid auch als göttliche Strafe. Diese theologische Deutung muss von der historischen Ereignisebene getrennt werden. Dennoch zeigt die Quelle, welche Erfahrungen in armenisch-christlichen Gemeinschaften bereits Jahrzehnte vor 1095 erinnert wurden.
4. Lokale Gewalterfahrungen als mögliche frühe Glieder einer Entwicklung
Ein Beispiel ist der Angriff auf Kars beziehungsweise die von Aristakēs geschilderten Angriffe auf armenische Städte und Gemeinden in den 1050er Jahren. Berichtet werden Überfälle während christlicher Gottesdienste, Tötungen, Plünderungen und Zerstörungen. Solche Ereignisse sind nicht als unmittelbare Ursachen des Kreuzzugs nachgewiesen. Sie zeigen jedoch, dass die Wahrnehmung einer Bedrohung christlicher Gemeinschaften im Osten nicht erst 1095 entstand.
Ein größerer Einschnitt war die Einnahme von Ani im Jahr 1064 durch Alp Arslan. Ani besaß als ehemalige armenische Hauptstadt eine besondere politische und religiöse Bedeutung. Für die armenische Erinnerung war ihr Verlust daher weit mehr als ein gewöhnlicher Grenzkonflikt. Auch hier gilt: Der Fall Anis ist nicht als direkte Ursache des Ersten Kreuzzugs zu bezeichnen. Er gehört jedoch zu jener Folge von Ereignissen, durch welche sich die politische und gesellschaftliche Ordnung der christlichen Gebiete im Osten veränderte.
5. Der Überfall auf armenische Klöster 1066/67
Für die ursprüngliche Suche nach einem möglicherweise „kleinen Funken“ ist ein Bericht des Matthäus von Edessa besonders interessant. Er schildert einen Angriff des türkischen Emirs Afšin auf armenische Klöster im Amanos-Gebirge nördlich von Antiochia um 1066/67. Dabei sollen Mönche getötet und Klöster verwüstet worden sein.
Dieses Ereignis verdient Beachtung, weil es mehrere Merkmale unserer Arbeitshypothese verbindet: Es war lokal begrenzt, betraf unmittelbar eine christliche religiöse Gemeinschaft und ereignete sich in einer Region, die später für den Ersten Kreuzzug von großer Bedeutung wurde. Dennoch fehlt bislang der entscheidende Nachweis, dass dieser konkrete Vorfall im lateinischen Westen bekannt war oder unmittelbar in die Kreuzzugsmobilisierung einging. Er sollte daher nicht als „der erste Funke“, sondern als ein möglicher Baustein einer längerfristigen Konflikt- und Erinnerungsgeschichte behandelt werden.
6. Manzikert 1071: vom lokalen Konflikt zur politischen Großkrise
Mit der byzantinischen Niederlage gegen Alp Arslan bei Manzikert 1071 verändert sich die Größenordnung. Manzikert war kein Kreuzzug und sollte auch nicht vereinfachend als Religionskrieg beschrieben werden. Die Niederlage und die anschließenden byzantinischen Bürgerkriege trugen jedoch dazu bei, dass die byzantinische Kontrolle über große Teile Anatoliens zurückging und türkische Herrschaften sich ausbreiteten.
Damit verbindet sich die lokale Erfahrung christlicher Gemeinden mit einer überregionalen politischen Krise. Die Frage nach der Vorgeschichte des Kreuzzugs verschiebt sich nun: Nicht nur „Was geschah Christen im Osten?“, sondern auch „Wie gelangten Nachrichten über die Krise in den Westen, und welche politischen Hilfegesuche entstanden daraus?“ wird entscheidend.
7. Hilferufe und die allmähliche Verbindung zum Westen
Schon in den Jahrzehnten vor 1095 gab es Kontakte zwischen Byzanz und dem Papsttum über militärische Hilfe gegen türkische beziehungsweise seldschukische Kräfte. Besonders wichtig ist die Zeit Gregors VII. in den 1070er Jahren. Damit wird deutlich, dass die Vorstellung westlicher militärischer Hilfe für die Christen des Ostens nicht erst mit Urban II. entstand.
Für die Forschungsthese ist dies ein mögliches Bindeglied: Lokale und regionale Krisenerfahrungen konnten in die politische Wahrnehmung Konstantinopels eingehen; byzantinische Hilfegesuche konnten diese Wahrnehmung nach Westen übertragen; dort traf sie auf eigene kirchliche, gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Erst aus dieser Verbindung konnte schließlich etwas entstehen, das weit über die ursprünglichen lokalen Konflikte hinausging.
8. Die christliche Welt war selbst tief gespalten
Eine wichtige Korrektur jeder einfachen Erzählung „Christen gegen Muslime“ liefern gerade die armenischen Quellen. Armenier und Byzantiner bildeten keineswegs eine geschlossene christliche Front. Es bestanden politische und kirchliche Spannungen; die byzantinische Eingliederung armenischer Gebiete wurde von armenischen Autoren teilweise kritisch beurteilt. Hinzu kamen innerarmenische Konflikte, beispielsweise mit den von der etablierten armenischen Kirche als häretisch betrachteten Tondrakiern.
Diese Beobachtung ist für unsere These wesentlich. Der Erste Kreuzzug entstand nicht aus zwei homogenen Blöcken. Die östliche christliche Welt war ebenso von politischen, ethnischen und konfessionellen Spannungen geprägt wie die muslimische Welt von dynastischen und politischen Rivalitäten. Die späteren Frontstellungen dürfen deshalb nicht rückwirkend auf die Jahrzehnte vor 1095 übertragen werden.
9. Nicht nur Religion: mehrere Entwicklungen könnten zusammengewirkt haben
Die Suche nach frühen Anlässen sollte sich daher nicht auf religiöse Verfolgung beschränken. Denkbar ist vielmehr eine Überlagerung verschiedener Prozesse: seldschukische Expansion; lokale Gewalt und Grenzkonflikte; Flucht und Umsiedlung christlicher Bevölkerungen; byzantinische Gebietsverluste; innerchristliche Spannungen; Hilfegesuche nach Westen; Pilgerfrömmigkeit und die besondere Bedeutung Jerusalems; päpstliche Reformpolitik; westliche Ritterkultur sowie politische und persönliche Interessen der Teilnehmer.
Diese Faktoren müssen weder gleichzeitig entstanden sein noch dieselbe Bedeutung besessen haben. Gerade darin könnte ein Schlüssel liegen: Der Erste Kreuzzug wäre dann nicht das Ergebnis eines einzelnen Entschlusses oder Ereignisses, sondern der Punkt, an dem mehrere zuvor teilweise unabhängige Entwicklungen miteinander verbunden wurden.
10. Vorläufiges Fazit
Die bisherige Recherche liefert keinen Beweis für einen unbekannten einzelnen Auslöser des Ersten Kreuzzugs. Sie zeigt jedoch, dass bereits seit der Mitte des 11. Jahrhunderts im armenisch-byzantinisch-seldschukischen Grenzraum eine Folge von Konflikten, Eroberungen, Zerstörungen und politischen Umbrüchen stattfand, die in den östlichen christlichen Quellen deutlich wahrgenommen wurde.
Die daraus entwickelte These lautet deshalb vorsichtig: Einzelne lokale Ereignisse könnten als frühe Bestandteile einer Entwicklung betrachtet werden, die über regionale Krisen, politische Veränderungen, Flüchtlings- und Nachrichtenwege sowie byzantinische Hilfegesuche schließlich mit westlichen religiösen und politischen Entwicklungen zusammentraf. Der Erste Kreuzzug wäre dann nicht durch einen einzigen „Funken“ verursacht worden; möglicherweise gab es jedoch zahlreiche kleine Funken, aus denen erst im Verlauf mehrerer Jahrzehnte ein größeres historisches Geschehen entstehen konnte.
Ob diese Möglichkeit quellenmäßig tragfähig ist, bleibt Gegenstand weiterer Forschung. Besonders erfolgversprechend erscheint eine systematische Untersuchung der Jahre 1050–1095 für Armenien, Kilikien, Edessa, Antiochia und Ostanatolien, bei der jedes Ereignis möglichst durch armenische, syrische, byzantinische und islamische Parallelquellen überprüft wird.
11. Quellen und Literatur
• Aristakēs Lastivertcʿi: History Regarding the Sufferings Occasioned by Foreign Peoples Living Around Us. Armenischer Text kritisch ediert von K. N. Yuzbashyan, Erevan 1963; englische Übersetzung von Robert Bedrosian.
• Mattʿēos Urhayecʿi (Matthäus von Edessa): Chronicle. Englische Übersetzung: Ara Edmond Dostourian, Armenia and the Crusades: Tenth to Twelfth Centuries. The Chronicle of Matthew of Edessa, Lanham/New York/London 1993.
• Tara L. Andrews: Mattʿēos Urhayecʿi and His Chronicle: History as Apocalypse in a Crossroads of Cultures, Leiden/Boston 2017.
• Christopher MacEvitt: The Chronicle of Matthew of Edessa: Apocalypse, the First Crusade, and the Armenian Diaspora, in: Dumbarton Oaks Papers 61 (2007), S. 157–181.
• Ralph-Johannes Lilie: Byzantium and the Crusader States 1096–1204, Oxford 1993.
• Clifford Edmund Bosworth (Übers./Studie): The History of the Seljuq State: A Translation with Commentary of the Akhbar al-dawla al-saljuqiyya.
• Rāwandī, Muḥammad b. ʿAlī: Rāḥat al-ṣudūr wa-āyat al-surūr fī tārīkh Āl-i Saljūq, persische Seldschukenchronik, entstanden zu Beginn des 13. Jahrhunderts.
• Raschīd al-Dīn: Jāmiʿ al-Tawārīkh, persische Universalgeschichte des frühen 14. Jahrhunderts; für die spätere persische Erinnerung an die Kreuzzugszeit relevant.
Hinweis: Die genannten Quellen besitzen unterschiedlichen zeitlichen Abstand zu den Ereignissen und unterschiedlichen Quellenwert. Die armenischen Chroniken sind besonders wichtig für die Wahrnehmung der östlichen christlichen Bevölkerung; ihre religiösen und historiographischen Deutungsmuster müssen jedoch ebenso kritisch geprüft werden wie die muslimischen, byzantinischen und lateinischen Überlieferungen.